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Der Grund und Boden, den die Schützengilde Wietzendorf seit Jahrzehnten für ihr Vereinsheim gepachtet hat, wird verkauft. Soll die Gilde weiter als Pächterin mit Einschränkungen leben - oder sich ihre Freiheit erkaufen?

Wietzendorfer Schützen bitten um Hilfe

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WIETZENDORF - 18. Januar 2022 - 16:55 UHR - VON MäRIT HEUER

“König, wir haben ein Problem” - so beginnt das Video. In zweieinhalb Minuten wird gezeigt, was auf dem Spiel steht. Die Machart ist humorig, das Thema bitterer Ernst. Es geht um Selbstbestimmung, um die Zukunft eines mehr als 400 Jahre alten Vereins und um viel Geld.

Die Situation, in der sich die Schützengilde Wietzendorf aktuell befindet, nimmt ihren Anfang im Jahr 1989. Der Schießstand an der Hauptstraße 27a ist gerade fertig umgebaut worden, er befindet sich auf einem 3800 Quadratmeter großen Grundstück, das der Betreiberfamilie des Hotels Hartmann nebenan gehört. Sie verpachtet den Grund und Boden an die Gilde, dazu gehören das Schießstandgebäude, ein Parkplatz sowie noch etwas Fläche drumherum. Die großen Eichen auf dem Grundstück sind nicht Teil des “Pachtpakets”, sie gehören zum Hotel mit Parkanlage und einem weiteren Flurstück, dürfen aber beispielsweise zum Schützenfest von der Gilde mitgenutzt werden. Im Gegenzug verpflichtet sich der Verein, für den Aufenthalt und die Bewirtung rund um die Vereinsfeste auf das Hotel Hartmann zurückzugreifen. Lediglich der Schießbetrieb und Versammlungen der Gilde sind über das Jahr hinweg im gepachteten Gebäude gestattet.

Das alles wird 1992 in einem Erbbaurechtsvertrag zwischen Hotel und Verein festgehalten, die Laufzeit ist auf 99 Jahre angesetzt. Heute sind noch 69 Jahre übrig - doch das Hotel Hartmann hat im Sommer 2021 Insolvenz angemeldet. Das Gebäude mit Parkanlage, Flurstück und Eichen ist im Herbst an einen Investor verkauft worden - und das Grundstück, auf dem die Schützengilde Wietzendorf ihr Zuhause hat, soll folgen.

Montag, 17. Januar 2022: Kampfgeist und Entschlossenheit sprechen aus den Mienen von Jens Brokmann und Thomas Peck. Ihnen gegenüber sitzt Wietzendorfs Bürgermeister Jörg Peters, das Feuer im Ofen neben den drei Männern spiegelt die knisternde Spannung wider, die seit einigen Wochen im Vereinsheim zu spüren ist. Die Schützengilde steht an einem Scheideweg. Sie muss eine Entscheidung fällen, die weitreichende Folgen für das Vereinsleben haben wird. Denn: Zwar kann der Investor auch das gepachtete Grundstück erwerben - doch die Schützengilde Wietzendorf genießt ein Vorkaufsrecht. Und sie überlegt, es zu nutzen - nicht nur, um endlich über ihren eigenen Grund und Boden zu verfügen, sondern auch, um sich aus den Einschränkungen des Erbbaurechtsvertrags “freizukaufen”, der ihnen beispielsweise Vermietungen oder Veranstaltungen im Schießstandgebäude untersagt. Die Verlockung ist groß, der Preis hoch: “100.000 Euro stehen im Raum”, nennt Jens Brokmann die Summe, die der Insolvenzverwalter als Kaufpreis für die 3800 Quadratmeter angegeben hat. Die Hälfte könne der Verein irgendwie selbst stemmen, sagt Brokmann, erster Gildeherr der Wietzendorfer Schützen, doch für die verbleibenden 50.000 Euro muss Unterstützung her. “Wir brauchen das Dorf”, stellt Schießwart Thomas Peck klar, “wir brauchen den Heidekreis - und die ganze Region.”

Das wird auch in dem Video deutlich, das der Verein auf sämtlichen Kanälen im Internet teilt. Auch auf der Homepage steht der Spendenaufruf, hängt analog in Schaukästen im Ort. Und er hat schon viele Menschen erreicht, weit über Wietzendorf hinaus. “Eine Frau aus Bayern hat 1000 Euro gespendet, die hier in ihrer Kindheit Schützenfest gefeiert hat”, verweist Thomas Peck auf die besonders hohe emotionale Verbundenheit vieler Menschen mit dem mehr als 400 Jahre alten Verein. Dabei komme es nicht auf die Höhe der Summe an: “Drei Kinder aus Wietzendorf haben je zehn Euro ihres Taschengeldes gespendet”, erzählt Jens Brokmann, noch immer tief gerührt. Da muss auch der erste Gildeherr schlucken.

Bis zum 8. Februar hat der Verein Zeit, sein Vorkaufsrecht zu nutzen - eine Fristverlängerung sei nicht möglich, bedauert Brokmann. Bis dahin müsse aber erst einmal ausgelotet werden, ob die Entscheidung überhaupt mehrheitsfähig ist. “Am 9. Januar hat der Vorstand auf der Mitgliederversammlung mitgeteilt, dass es diese Option gibt”, sagt Brokmann, am 30. Januar soll eine außerordentliche Mitgliederversammlung stattfinden. Das Datum ist auch der Stichtag, an dem die Gesamtsumme der erzielten Spenden bewertet werden soll, um eine Empfehlung an die Versammlung abgeben zu können. “Falls der Kauf des Grundstücks nicht zustande kommt, wird der Spendenbetrag zurückerstattet oder zweckgebunden in die Jugendarbeit gesteckt”, versichert Brokmann allen Unterstützern.

Auch Bürgermeister Jörg Peters will helfen. Das Anliegen der Schützengilde werde am Montag, 24. Januar, im Verwaltungsausschuss beraten - und die Frage, ob die Gemeinde sich irgendwie finanziell beteiligen kann und soll. Auch auf Großspender und Firmen geht der Gildevorstand zu, seit Dienstag läuft der Spendenaufruf auf vier verschiedenen Crowdfunding-Plattformen, eine davon agiert weltweit. “Vielleicht erreichen wir genau den Japaner, der 50.000 Euro geben und gerne mal ein very nice German Schützenfest feiern will”, mutmaßt Jens Brokmann augenzwinkernd.

Er und Thomas Peck sehen trotzdem “in erster Linie die Mitglieder in der Pflicht - und nicht unbedingt Dritte”. Deshalb haben sie auch schon hochgerechnet, wie die Kosten von den Schützinnen und Schützen gemeinsam gestemmt werden könnten - immerhin ist die Gilde in Sachen Mitgliederzahlen der zweistärkste Verein im Kreisschützenverband Soltau. “Man könnte bei den 250 Vollzahlern unter unseren 400 Mitgliedern den jährlichen Beitrag um 20 Euro erhöhen und das über 20 Jahre laufen lassen”, rechnet Jens Brokmann vor. Die Stimmung im Verein sei grundsätzlich gut: “Die Mitglieder wollen kaufen - aber nicht um jeden Preis.”

Was passiert denn, wenn die Gilde ihr Vorkaufsrecht nicht nutzt? “Fakt ist, dass der Erbbaurechtsvertrag weiterhin Bestand hat”, erklärt Brokmann. “Kauf bricht nicht Pacht.” Die Gilde dürfte also bleiben. Aber: “Wir wir wären hier in unseren Möglichkeiten weiter sehr eingeschränkt - und hätten eine ungewisse Zukunft.” Der neue Investor stelle einen unbekannten Faktor da: “Man kennt sich nicht.” Ein “mulmiges Gefühl” und die Angst vor Streit - beispielsweise um die Eichen -, vor Vertragsbruch oder gar Kündigung des Erbbaurechtsvertrags seien da. Die Gilde fürchtet, eines Tages ohne Schießstand dastehen zu können - ein herber Schlag gerade für die 80 Kinder und Jugendlichen, die “auf der sportlichen Schiene im Heidekreis und im Bezirk ganz weit vorne sind”, wie Schießwart Peck betont.

Dazu komme, dass Grundstückspreise derzeit alles andere als sinken - und falls die Gilde dieses Mal verzichte, der Investor das Grundstück aber weiterveräußern wolle und das Vorkaufsrecht der Gilde erneut zum Tragen komme, sei der Preis vermutlich ungleich höher, befürchten die Vorstandsmitglieder. Ihr Appell: “Wir haben jetzt die einmalige Chance, das Grundstück zu kaufen und unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.”

Das Spendenkonto

Die Schützengilde Wietzendorf bittet um Spendenzusagen per E-Mail an info@schuetzengilde-wietzendorf.de, weiterhin kann direkt auf das Spendenkonto überwiesen werden - unter dem Verwendungszweck “Zukunft”: Volksbank Lüneburger Heide, IBAN DE43 2406 0300 2491 2786 00.

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